Der Soziologe Raj Kollmorgen sucht Gründe für die Impfskepsis der Sachsen. Er findet sie in der Geschichte, in der deutschen Vereinigung und im Krisenmanagement der Regierung.
ZDFheute: Sie fällt schon auf, die hohe Zahl der Ungeimpften in Sachsen. Eine Idee, woran das liegt?
Raj Kollmorgen: Zum einen gibt es hier historische Erfahrungen, die viele Sachsen von den Institutionen der - wie es einige noch heute nennen - Obrigkeit entfernt haben. Zum anderen haben die Corona-Schutzmaßnahmen hier größeren "Schaden" angerichtet als in anderen Regionen.
So etwas gibt es hier kaum, das muss man immer mitreflektieren.
ZDFheute: Es sind die Fehler der Wiedervereinigung?
Kollmorgen: Die Vereinigungspolitik hat nicht alle spezifischen Gruppen in den ländlichen Räumen hinreichend ernstgenommen und insofern dazu beigetragen, dass die Distanz zu den demokratischen Institutionen und ihren Vertretern gewachsen ist.
Und es rächt sich die asymmetrische Wirtschaftsförderung der 1990er- und frühen 2000er-Jahre, die vor allem die "Leuchttürme" der urbanen Zentren im Auge hatte. Dieser Ansatz konnte die spezifischen Schwächen und Krisenanfälligkeiten peripherer Regionen kaum beheben, so dass Nachfrageausfälle oder gar Einbrüche umso deutlicher auf die Einkommenssituationen durchschlagen. Das hat enttäuscht und schürt Ängste vor der Zukunft.
ZDFheute: Und wenn dann "der Staat" in der Krise Fehler macht…
Kollmorgen: … dann wirkt das wie ein Katalsysator. Wenn man schon mit so einer Grunddistanz in eine Krise hineingeht und dann passieren Fehler - die unvermeidbar sind bei neuartigen Katastrophen -, Fehler wie bei der Impfstoffbeschaffung oder bei den allgemeinen Schul- und Geschäftsschließungen, dann werden diese sofort umgedeutet in eine Strategie der Obrigkeit gegen das eigene Volk oder in ein Systemversagen .
ZDFheute: Sind denn diese Gruppen dann noch erreichbar? Derzeit haben nur 57 Prozent der Sachsen den Impfschutz.
Kollmorgen: Ich bin da Zweckoptimist und denke: Ja. Ich gehe davon aus, dass die allermeisten sich selbst oder anderen nicht absichtlich schaden wollen. Hier muss man adressatenspezifisch vorgehen.
ZDFheute: Das reicht?
Kollmorgen: Ja. Denn wenn man das Regiment nun verschärft, dann werden viele aus Opportunitätserwägungen doch den leichteren Weg wählen. Dann ist man zwar immer noch gegen die Regierung, aber man wägt ab, ob man oder frau jeden Tag 90 Minuten im Testzentrum verbringen will. Viele wählen dann doch lieber die Impfung.
Zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung wird man aber auch so vermutlich nicht erreichen können. Aber die sind - wenn denn nichts mehr hilft - pandemisch weitgehend tolerierbar.
ZDFheute: Und die Antwort? Radikalisiert sich nicht ohnehin dort gerade etwas?
Kollmorgen: Natürlich spitzt sich das zu. Wenn der Druck aus der Politik oder der geimpften Mehrheitsbevölkerung zunimmt, dann wächst die Bereitschaft, sich in einer Meinungs- und Ideologie-Blase einzukapseln. Die Frage ist: Und nun? Was soll der Staat machen? Sie einfach in der Ecke stehen lassen? Mit dem Polizeiauto vorfahren, alle verhaften?
ZDFheute: Funktioniert das auch bei denen, die schon mit ihrer Wahl die Protesthaltung dokumentieren? Gibt es diesen Zusammenhang zwischen Protestwahl, Inzidenz und Impfskepsis?
Kollmorgen: Der Zusammenhang liegt ja auch auf der Hand. Das Weltbild der AfD, ihre ideologischen Einstellungen passen wie der berühmte Deckel zum Topf zu den Einstellungen, die in den meisten Milieus der Impfgegner und Querdenker dominieren.
Das ist nicht überraschend und schon in den letzten beiden Jahren ganz gut erforscht worden.
Das Interview führte Thomas Bärtsch aus dem ZDF-Landesstudio Sachsen.
Coronakrise in Sachsen: Warum sind viele Sachsen impfskeptisch? - ZDFheute
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