Gibt es bald wieder mehr Gymnasien, die das Abitur in neun Jahren anbieten? Foto: dpa/Armin Weigel
Gibt es bald wieder mehr Gymnasien, die das Abitur in neun Jahren anbieten? Foto: dpa/Armin Weigel

    Viele Eltern wollen das neunjährige Gymnasium zurück und sammeln Unterschriften für einen Volksantrag. Die Koordinatorin von Leonberg ist zuversichtlich.

    Nächste Woche starten in Baden-Württemberg die Ferien. Dann können die Schülerinnen und Schüler bis zum 9. September erst einmal abschalten und den Sommer genießen. Währenddessen wird sich die Landesregierung weiterhin mit der Frage beschäftigen müssen, wie es mit den allgemeinbildenden Gymnasien weitergehen soll. Denn viele Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder das Abitur wieder nach neun statt nur acht Jahren am Gymnasium ablegen können. Was aktuell nur an den 44 Modellschulen von mehr als 300 Gymnasien im Land – darunter in Rutesheim – möglich ist. Ende des vergangenen Jahres hatte die Elterninitiative „G 9 jetzt“ mit ihrer Unterschriftensammlung für einen Volksantrag die Diskussion wieder angefacht. Benötigt werden insgesamt 39 000 Unterschriften. „Wir haben jetzt schon etwa 20 000 zusammen und werden weiter sammeln“, sagt Marita Raschke, die Koordinatorin der Bürgerinitiative in Leonberg.

    Es scheint Bewegung in die Sache zu kommen

    Und auch in der Politik scheint Bewegung in die Sache zu kommen. Bislang war die grün-schwarze Landesregierung strikt gegen eine Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren. In der Zwischenzeit versammeln sich hinter der Forderung nach mehr G 9-Gymnasien alle Parteien – nur die Grünen-Bildungsministerin Theresa Schopper bleibt ihrer Linie treu. Grüne und CDU wollen nach den Sommerferien ein Bürgerforum einrichten. 40 bis 60 auserwählte Menschen – nicht nur mit Abitur – sollen in einer Anhörung mit Experten, Verbänden und Betroffenen sprechen. Am Ende, so der Plan, sollen sie eine Empfehlung geben, wie es mit den allgemeinbildenden Gymnasien weitergehen soll. Eine Entscheidung wird dann die Landesregierung treffen.

    Marita Raschke, die selbst eine Tochter in der Grundschule und einen Sohn im Kindergartenalter hat, wird weiterhin bis November Unterschriften sammeln. Sie berichtet aber auch, wie mühsam das ist. Weder auf dem Adventsdörfle noch in Kindergärten, Schulen oder in der Jugendmusikschule durfte die Bürgerinitiative wegen des Neutralitätsprinzips der Stadt Sammelboxen aufstellen. Auch beim SV Leonberg/Eltingen stießen die Eltern nicht auf Fürsprecher. „Ganz anders lief es zum Beispiel in Bietigheim. Dort ist meine Tochter im Reitverein und der Vorstand hat sofort zugestimmt, denn die Vereine könnten wieder sehr viel mehr Jugendliche bekommen, wenn diese wieder mehr Freizeit hätten“, sagt die promovierte Entwicklungsingenieurin.

    Ein umfangreiches Prozedere

    „Das Sammeln von Unterschriften ist sehr schwierig, weil man auf sehr vielen Ebenen beschnitten wird und der Informationsfluss sehr erschwert wird“, sagt Raschke. Jeder Wahlberechtigte im Land könne mitmachen, doch das Prozedere sei umfangreich. „Weil man erst einmal die Homepage aufrufen, dort das Formblatt ausdrucken, es dann beim Amt bestätigen lassen – und schließlich auch noch an eine der Sammelstellen schicken muss.“

    Es gäbe aber auch sehr viele Lichtblicke. „Im Rutesheimer G 9-Gymnasium haben wir die Elternvertreter mit Formblättern für alle Klassen versorgt und konnten dort über 1000 Unterschriften gewinnen. Da von den umliegenden Gemeinden sehr viele Schüler das Rutesheimer Gymnasium besuchen, gab das einen Schneeballeffekt und einige Grundschulen haben anschließend selbstständig angefangen, zu sammeln. Ich muss jetzt zwar an über 20 Gemeinden Formblätter zum Bürgeramt bringen, aber das ist es mir wert.“, sagt Marita Raschke. Digitalisiert ist dieser Vorgang nicht – ein Einscannen und digitales Weiterleiten sei nicht möglich. Auch in umliegenden Grundschulen wie in Hemmingen, Ditzingen, Gerlingen oder Böblingen sammelte die G 9-Koordinatorin auch schon Unterschriften. „Wir lassen nichts unversucht und ich bin mir sicher, dass wir die 39 000 Unterschriften trotz aller Widrigkeiten schaffen werden – und dass die Politik dann hoffentlich auch etwas Vernünftiges draus macht.“

    Elternvertreter der Gymnasien oder gar die Schulleiter halten sich auf Anfrage unserer Zeitung bei dem Thema G 9 sehr bedeckt – oder wollen sich dazu gar nicht äußern. „Ein spannendes Thema, zuletzt wurde ich vor Corona dazu angesprochen, das heißt aber nicht, dass die Eltern das nicht interessiert“, sagt Rolf Bayer, Schulleiter des Johannes-Kepler-Gymnasiums Weil der Stadt. Der dortige Elternbeiratsvorsitzende Steffen Fiderer sagt, G 9 sei in Elternbeiratssitzungen kurz angesprochen worden. „Ich habe keine Zeit, da aktiv zu werden, wäre aber bereit, meine Unterstützung anzubieten, wenn man sich des Themas annehmen würde, aber bislang kam noch keine Resonanz“, sagt Fiderer. Doch im privaten Bereich höre er immer wieder die Aussage von Eltern: „Wenn wir die freie Wahl hätten, würden wir uns für G 9 entscheiden.“ G 8 sei recht leistungsorientiert, aber machbar. „Allerdings ist auch ein gutes Zeitmanagement gefragt.“ Fiderer sieht, wie andere Eltern auch, ein weit größeres Problem. „Den Lehrermangel.“