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Tuesday, October 19, 2021

Morning Briefing : Das „Bild-Beben“ lässt viele Erleichterte und viele Beschädigte zurück - Handelsblatt

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

neben Überschriften wie „Orkan-Alarm in Deutschland“ oder „Daran merkt er, ob der Sex gut war“ gab es gestern Abend auf der „Bild“-Website eine interessante Meldung in eigener Sache. Die eigentlich fällige Titelei vom „Bild-Beben“ verwandelte sich nüchtern in: „Wechsel in der Bild-Chefredaktion“. Axel Springer stand da, habe nach Presserecherchen Julian Reichelt, 41, „von seinen Aufgaben entbunden“, was man als Verpackungsspezialist so sagt, wenn jemand gefeuert ist. Entbunden wurde, geburtstechnisch, Johannes Boie, 37, als Vorsitzender der Chefredaktion.

Mit „Presserecherchen“ war im Übrigen die „New York Times“ gemeint, die kundig aus dem im Frühjahr abgeschlossenen Compliance-Verfahren gegen Reichelt wegen Machtmissbrauch zitiert. Es endete mit einem Wiedereintritt des Journalisten in die Umlaufbahn des „Bild“-Kosmos.

Die Vorwürfe gegen den ehemaligen Bild-Chef Julian Reichelt standen lange im Raum. Erst jetzt zog der Springer-Verlag Konsequenzen.

(Foto:&#160imago images/Jörg Schüler)

Diese Story lässt viele Erleichterte und viele Beschädigte zurück:

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  • Da ist zunächst einmal Julian Reichelt selbst, ein sich gerne martialisch gebender Ex-Kriegsreporter, dessen Frauengeschichten zum Thema der Republik wurden.
  • Es folgt Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner, 58, der in Treue fest zu Reichelt stand. In Sachen Corona befand er, sein Schützling sei „wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR-Autoritätsstaat rebelliert“ („DDR“ ohne Gänsefüßchen geschrieben, nebenbei bemerkt). Nun heißt es, bei eigenen Erkundigungen habe der Springer-Vorstand erfahren, dass Reichelt auch nach Abschluss des Compliance-Verfahrens „Privates und Berufliches nicht klar getrennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt hat“.
  • Da ist überhaupt der gesamte Springer-Konzern, der Champion der digitalen Publizistik sein will und zu diesem Zweck mit dem kostspieligen Kauf der Plattformen „Business Insider“ und „Politico“ in den USA expandierte – und dort Reputationsschäden wegen der „Bild“-Hauerei fürchten musste. Der Reichelt-Rauswurf ist eine strategische Notbremse.
  • Und schließlich ist auch der anerkannte Verleger Dirk Ippen betroffen, dem etwa der „Münchner Merkur“, die „Frankfurter Rundschau“ oder die „Hessische Niedersächsische Allgemeine“ gehören. Der 81-Jährige hatte kurz vor der geplanten Veröffentlichung am vergangenen Sonntag eine Reichelt-Enthüllungsstory seines Investigativ-Teams gestoppt – mit Rücksicht auf die ökonomische Konkurrenz zu Springer.

Agatha Christie hat Journalisten nie gemocht und sie in ihren Büchern alle sterben lassen. William Faulkner aber war schlauer: „Die Menschen sind heutzutage nicht schlechter, als sie früher waren. Nur die Berichterstattung über ihre Taten ist gründlicher geworden.“

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Wann immer die Rede auf eine „Weichwährung“ Euro kam, traten die politisch beschlossenen „Maastricht-Kriterien“ wie stramme Zinnsoldaten der Stabilität in die Debatte ein. Nur drei Prozent Neuverschuldung sowie maximal 60 Prozent Schulden des Bruttoinlandsprodukts waren die Verheißungen – die in den meisten Ländern der Euro-Zone wenig mit der Realität zu tun haben. Die Verschuldung liegt im Schnitt bei 100 Prozent.

Heute startet die EU-Kommission ein Konsultationsverfahren, das zu laxeren Haushaltsvorgaben führen könnte, analysiert unsere Titelstory. Der anstehende Konsolidierungsprozess, von Mitgliedsstaaten wie Frankreich angetrieben, müsse auf „nachhaltige und wachstumsfreundliche Weise geschehen“, steht in einem Kommissionspapier. Maastricht ist Makulatur.

Der Einwurf zu den anlaufenden Verhandlungen um eine „Ampel-Koalition“ kommt vom FDP-Bundestagsabgeordneten Thomas Sattelberger. Der Ex-Vorstand von Continental und Deutscher Telekom zeichnet im Handelsblatt-Gastkommentar „zehn Wege zur Innovationsnation Deutschland“ auf. Es hake an Bürokratie, mentalen Silos, fehlgeleiteten Anreizen, großen Egos und Abkopplung von Unternehmertum, so Sattelberger – und er findet, der „zehn Milliarden Euro schwere Zukunftsfonds der Bundesregierung gehört eigentlich mit zehn multipliziert“.

Privatfinanziers könnten diese pekuniäre Lücke füllen, viele Mittelständler dürsteten geradezu nach Projekten der Public Private Partnership (PPP), bei denen sie über regionale Wagniskapitalarme die innovativen Ökosysteme vor Ort stärken könnten. Noch gingen die meisten Forschungsgelder an die Etablierten, lamentiert der Autor und formuliert: „Goliaths füttern wir, Davids darben.“

Von Dolce Vita wie in Vor-Corona-Zeiten kann man in Italien derzeit nur träumen: Seit Freitag gilt dort in allen Berufen die 3G-Pflicht. Ohne Impfung, Nachweis zur Genesung oder Tests erfolgt die Suspendierung vom Dienst, ohne Gehalt. Ein Modell auch für Deutschland? Oder geht das zu weit? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in vier, fünf Sätzen. Ausgewählte Beiträge veröffentlichen wir mit Namensnennung am Donnerstag im Leserforum, gedruckt und online.

Der ehemalige US-Außenminister Colin Powell ist an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben.

Es war eine dieser „Tellerwäscher“-Karrieren, wie sie Amerikaner lieben. Aufgewachsen in der South Bronx, New York, als Sohn jamaikanischer Einwanderer, dann Soldat in Vietnam mit folgender Militärkarriere. Dieser unaufhaltsame Colin Powell wurde 1987 erster schwarzer nationaler Sicherheitsberater, 1989 erster schwarzer Generalstabschef der US-Streitkräfte (Invasionen in Panama und Kuwait) und schließlich 2001 erster schwarzer Außenminister der USA, im Kabinett von George W. Bush.

Doch seine falschen Aussagen zum Irak vor aller Welt, die zur Invasion vieler West-Armeen führte, sorgten für dunkle Flecken auf seinem guten Image. Die angeblichen Belege für Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins waren schlicht „Fake News“, politisch gewollte Manipulation. Der Republikaner Powell hat das immer wieder bedauert – so wie er es abschlägig beschied, dass einer wie Donald Trump ins Weiße Haus zog. Im Alter von 84 Jahren ist der Militär, der Minister wurde, an den Folgen seiner Covid-Erkrankung gestorben.

Und dann ist da noch der Mann mit dem unvergesslichen Namen Peter Peters, 59, der im deutschen Fußball Nummer eins werden will. Zu diesem Zweck tritt er als Aufsichtsratschef der Deutschen Fußball-Liga (DFL) zurück, dem Pakt der Profiklubs – um sich beim Bundestag am 11. März 2022 als Präsident des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) zu bewerben. „Ich gehe die Sache ohne Netz und doppelten Boden an“, sagt Peters, was ein Scheitern einschließt. Der größere Amateurbereich hat mit dem wahrscheinlichen eigenen Kandidaten Bernd Neuendorf aus dem Verband Mittelrhein bessere Chancen.

Und mancher erinnert sich auch, wie Peters als Finanzchef des FC Schalke 04 den Klub in immer größere Finanzabenteuer und Verschuldungen hineintrieb. Mit dem vielen Geld auf Pump wurden überbezahlte Spieler gekauft, die Gelsenkirchener mussten in die Zweite Liga absteigen. Geradezu aberwitzig, wenn der für die Malaise Verantwortliche nun mit Erstklassigkeit belohnt werden würde. Als neuer DFL-Chef ist im Übrigen der Dortmunder Manager Hans-Joachim Watzke im Gespräch. Das Schlusszitat zum Fall Peters kommt von Bertolt Brecht: „Vertrauen wird dadurch erschöpft, dass es in Anspruch genommen wird.“

Ich wünsche Ihnen einen vertrauensvollen Tag.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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