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Thursday, July 20, 2023

TV-Kritik „Maybrit Illner“: Beim Gendern fühlen sich viele „nicht mitgemeint“, sagt der Philosoph - WELT

„Wenn man dieser Diskussion zuhört“, warf Hape Kerkeling nach der Hälfte der Sendung ein, „müsste man annehmen, dass wir auf dem besten Wege sind, eine Art liberales Paradies zu schaffen“. In der letzten Sendung vor der Sommerpause widmete sich Maybrit Illner in ihrer ZDF-Talkshow der Identitätspolitik.

Mit dem zitierten Entertainer, der Politikwissenschaftlerin Düzen Tekkal, dem Philosophen Julian Nida-Rümelin sowie Leonie Plaar, die unter dem Pseudonym Frau Löwenherz als Influencerin auf TikTok und Instagram aktiv ist, gelang ihr eine der gesittetsten Runden zum oft hart umkämpften Thema.

Am Beispiel von Kerkelings Kunstfigur Horst Schlämmer drehte sich die Runde zunächst um Humor. Schlämmer sei der „Prototyp weißer, alter Mann“, charakterisierte ihn dessen Schöpfer. Er habe das Gefühl gehabt, sich über die Gruppe lustig machen zu dürfen und sogar zu müssen. „Ich habe davon eigentlich nichts zurückzunehmen“, erklärte der Komiker.

Für Humor wird es schwieriger

Plaar fand den Charakter der Figur „ziemlich interessant“, weil er die eigene Gruppe veralbere. Viele lachten jedoch über „den rassistischen Witz und nicht über die Meta-Ebene“, schränkte sie ein. „Ja, das kann sein“, bestätigte Kerkeling.

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Er selbst habe vor allem heterosexuelle Männer gespielt, sagte der Entertainer. Den Schauspielberuf mache aus, sich in nahezu alles hineinversetzen zu können. Tom Hanks sage mittlerweile, er hätte in „Philadelphia“ den Aids-Erkrankten nicht spielen sollen. Dabei sei die Darstellung brillant gewesen und der Film habe seine Berechtigung als „historisches Stück“.

Es gehe um „Repräsentanz“ und „Erfahrungswirklichkeit“, stellte Tekkal heraus. „Natürlich“ mache es einen Unterschied, ob Francis Ford Coppola „Der Pate“ drehe oder sie eine Dokumentation über den Völkermord an den Jesiden.

Die Vorbild-Demokratien schwächeln

Die „Empfindlichkeiten“ haben zugenommen, konstatierte Nida-Rümelin. Für Humor werde es schwieriger, da die Gesellschaft in Gemeinschaften zerfalle, die „untereinander einen Modus Vivendi haben, der sehr fragil“ sei.

Dem widersprach Düzen Tekkal. Sie glaube nicht, dass wir empfindlicher geworden seien. Vielmehr habe sich der Diskurs erweitert, sodass betroffene Menschen für sich selbst sprechen könnten. Sinti und Roma hätten sie etwa auf die verletzende Wirkung des „Z-Worts“ hingewiesen, da ihren Großeltern im Zweiten Weltkrieg ein „Z“ in den Arm geritzt worden war.

„Mit Sensibilitäten kann man es eigentlich nie übertreiben“, befand auch Nida-Rümelin. Zugleich vollzögen sich die Überlegungen zur Sprache im akademischen Milieu. Ein Großteil der Bevölkerung sei aber nur „mit Mühe und Not“ durch die Schule gekommen. Viele Menschen empfinden sich etwa beim Gendern „nicht mitgemeint“.

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Rechtspopulisten nutzen dies für „ihre Kampagnen“ und gewinnen Wähler, erklärte der Philosoph. „Wer sich aufgrund eines Schriftzeichens nach rechts radikalisiert“, betonte hingegen Leonie Plaar, „für den hätte es das Schriftzeichen nicht gebraucht“.

Die Cancel Culture aus „rechtsextremer Ecke“ töte Menschen, wie beispielsweise die NSU-Mordserie gezeigt habe, hob Tekkal hervor. „Cancel Culture“ habe „nichts mit rechts und links zu tun“, hielt Nida-Rümelin dagegen, der dem Thema ein Buch gewidmet hatte. Ron DeSantis, Gouverneur Floridas, betreibe etwa „staatlich organisierte Cancel Culture“.

Es sei ein „hochumkämpfter ideologischer Begriff“, den es zwar erst seit fünf Jahren gebe, der aber einen kulturgeschichtlichen Normalfall beschreibe. Demokratie beruhe jedoch auf der Idee der Aufklärung, die alle Meinungen hören wolle.

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„Haben Sie eine Prognose, wo wir in zehn Jahren stehen werden?“, wollte Kerkeling von Nida-Rümelin wissen. Ausgerechnet die „Vorbild-Demokratien“ Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten befänden sich in einer tiefen Krise, erklärte der Philosoph. Und da viele US-Entwicklungen „bei uns“ in einer „albernen Variante“ nachgeholt werde, sei er Pessimist.

Andererseits glaube er, dass die Faszination für den Rechtspopulismus abklingen werde, sobald „Lösungen für konkrete Probleme“ nötig werden, die diese Parteien nicht bieten. „Das ist meine Hoffnung.“

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