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Friday, November 12, 2021

„Filmdrehs sind Traumblasen“ - FAZ - Frankfurter Allgemeine Zeitung

Herr Schuch, in dem Film „Lieber Thomas“ spielen Sie die Rolle des wider­ständigen DDR-Intellektuellen Thomas Brasch. Wie war das für Sie?

Das war ein riesiges Geschenk für mich als Schauspieler. Jemanden zu spielen, der sein inneres Sein und seine Gefühlswelt so nach außen kehrt, ist facettenreich. Er hat so viele unterschiedliche Leben gehabt, die er gleichzeitig gelebt hat. Er war ein trieb­hafter Mensch, voller übersprudelnder Energie. Es ist toll, als Schauspieler eine Person zu verkörpern, bei der man alle Amplituden des Lebens ausleuchten kann.

Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Ich habe viele seiner Werke gelesen und klassisch studiert. Erst habe ich mich auf seine Literatur eingelassen. Dann habe ich in seltsamen Privatarchiven geforscht, nach Fotografien gesucht, um einen ­intimen Eindruck von diesem Menschen zu bekommen. Daneben habe ich mich mit Weggefährtinnen getroffen – Frauen waren ein wichtiger Teil seines Lebens. In der Theaterszene sind ihm viele Menschen begegnet. Brasch ist damals ein Superstar gewesen, jeder wollte sich mit ihm um­geben, auf seinen Partys sein. Er war einer der klügsten Köpfe seiner Zeit, denn er hat sich nie mit Oberflächlichkeiten abgefunden. Zudem hatte er eine riesige Energie. Er ist eine Kerze, die von zwei Seiten brennt, das haben Weggefährten über ihn gesagt. Erst ist in seinem Leben alles strahlend, und plötzlich ist es zappenduster.

Sie selbst sind 1985 in Jena geboren. Brasch ist Ihre erste Rolle, in der Sie einen Ost-Intellektuellen verkörpern. Ist das eine besondere Herausforderung?

Nein, aber ein spannender Charakter. Ich habe nur fünf Jahre in der DDR gelebt, aber war immer von Menschen umgeben, die diese Zeit in sich aufgesogen und den Systemwechsel am eigenen Leib gespürt haben. Jeder hat seine Geschichten, ob im Familienkreis, im Freundeskreis oder in der Schule. Du kriegst direkt oder indirekt eine Sozialisierung mit. Und wenn es der Schlagzeuglehrer ist, der erzählt, dass er seine Bass-Drum mit einem Duschkopf erneuern musste, weil er die Klöppel nicht bekommen hat. Das sind diese witzigen bis traurig-schicksalhaften Erzählungen, diese Geschichten des Zerreibens und des Verrats. In der Hinsicht scheint Braschs Geschichte irgendwie vertraut. Seine ganze Familie ist hochinteressant – der Vater als stellvertretender Kulturminister der DDR. Er wusste oft nicht, wo er gerade steht, was er wirklich will. Man kann in seiner Lyrik eine Ahnung von ihm bekommen. Das ist dann meine Inspiration. Aber mehr als In­spiration darf es auch nicht sein, sonst komme ich nicht zum Spielen. Wenn ich zu sehr mit dem Konvolut an Wissen, das ich gesammelt habe, an eine Rolle rangehe, werde ich verrückt.

Fällt es Ihnen leichter, Romanfiguren zu spielen?

Nein, das würde ich nicht sagen. Bei Romanadaptionen vermische ich fiktive Biographien mit realen Persönlichkeiten.

Wie kommt es, dass Sie gerade in so vielen Literaturverfilmungen auftreten?

Es sind spannende Stoffe, meistens aus Zeiten, in denen es große Reibepunkte gibt und in denen die Umstände so gewaltig sind, dass sie die Figuren prägen. Das gibt uns als Schauspieler Energie.

Waren Sie schon davor mit Thomas Brasch in Berührung gekommen?

In der Schauspielschule hatte ich einen Text von Brasch oft gelesen. „Warum spielen“ hieß der. Der hing in meinem Spint in Leipzig und war ein leidenschaftliches Pamphlet für das Schauspielen. Welche Vorteile diese Profession gegenüber einem normalen Alltag bringt. Es geht darum, dem Menschen einen Spiegel vorzuhalten, lügen zu dürfen, das zu machen, was man will. „Warum spielen, um zu spielen“ ist der letzte Satz darin. Das hatte so was Ernsthaftes und Leichtes gleichzeitig. So wie alle Texte von Brasch, die ich in ihrem Tiefgang vor allem durch die Interpretation von Katharina Thalbach kennengelernt habe. Sie nimmt ihm die Schwere, denn er hat wahnsinnig viel Witz in seinen Texten.

Welchen Gegenwartsbezug hat er?

Thomas Brasch zeigt die Widersprüchlichkeit des Menschen. Das zu tun, was man eigentlich nicht will. Aber auch das zuzulassen, darin eine Chance zu sehen und es zu reflektieren, und dass es viel schlimmer ist, früh zu verurteilen. So war es ja auch in der letzten Zeit, in den sozialen Medien. Dass bestimmte Phänomene groß werden und jeder eine Meinung haben muss. Es werden ganz viele Stellvertreterkriege geführt, auch gegenüber Personen. Das Hochkochen der schnellen Emotionen war in den letzten beiden Jahren überall spürbar, ob im Privaten oder in den Medien. Es gibt einen richtigen Wettlauf von Verurteilungen. Und das ist absurd, dass alle immer meinen, sie hätten eine einfache Antwort parat, obwohl man eigentlich viel Zeit bräuchte, um den ganzen Wandel, den wir durchmachen, zu verstehen.

Brasch war in der Ostberliner Theater­szene verwurzelt. Sie haben viele Jahre Theater gespielt. Vermissen Sie es?

Ja, sehr. Auch wenn es mir durch eine solche Rolle schwer gemacht wird. Die hat eine Theatralik, die ich sonst nur aus dem Theater kenne. Die Direktheit ist etwas, was ich am Theater vermisse. Es ist wie ein Reiten auf einer Welle, die du perfekt nimmst und manchmal eben nicht. Beim Film fehlt das direkte Publikum. Da muss man aufpassen, dass es nicht technisch wird. Es ist immer mein Ziel, Momente herzustellen, in denen man den Boden unter den Füßen verliert. Momente, die magisch sind, in denen jeder vergisst, dass wir gerade nur spielen. Im Film spielt man meistens nur zehn Minuten am Stück. Bei „Victoria“ durfte ich leider nicht mit­machen. Einen solchen One-Take-Film abzudrehen würde mich total interessieren. Ich liebe es, wenn die Kamera beim Film in alle Richtungen guckt. Wenn das Team vor der Tür ist und man in einem Raum ganz allein spielt und nur der Kameramann einen begleitet.

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Sie sind zum European Shooting Star 2021 gewählt worden. Hat sich dadurch etwas verändert?

Mal gucken. Ich bin da ganz offen. Ich halte mich aber zurück mit Prognosen. In dieser Branche ist alles kurzlebig. Deshalb versuche ich immer, eine Sache nach der nächsten zu machen, aber mir zwischenzeitlich auch einmal Auszeiten zu nehmen.

Wie häufig nehmen Sie sich Auszeiten?

Manchmal sind das drei Monate, manchmal nur ein paar Tage. Aber wenn es nur ein paar Tage sind, spüre ich, dass ich mehr Auszeit benötigt hätte, um mich intensiver auf den Dreh einzulassen. Das ist am Theater anders. Hier nimmt das Repertoire von Monat zu Monat zu. Es häuft sich an. Dann sind es fünf bis sechs Stücke, die man spielt. Es ist eine gute Abwechslung, zwischen den Rollen hin und her zu springen.

Wie verhindern Sie da Überforderung?

Ich nehme mir die Zeit, ziehe mich öfters aus dem Rummel heraus. Die Filmbranche ist eine Parallelwelt. Wenn wir uns für die Produktionszeit eines Films, für vier Monate, unter eine Käse­glocke begeben, ist das ganz absurd. Wir verhandeln dann plötzlich den Ersten Weltkrieg oder das Leben des Thomas Brasch. Das hat Klassenfahrtcharakter. Man reist gemeinsam hin, ist im besten Fall eng beisammen und lernt sich kennen, und dann ist es wieder vorbei. Es sind Traumblasen. Tänze mit der Verführung. Zudem denke ich, dass der deutsche Film mehr wie eine Werkstatt sein sollte. Es fehlt an Werkstattatmosphäre.

Wie meinen Sie das?

Dass das Ausprobieren normal und Scheitern erlaubt ist. Ich habe die wichtigsten Erfahrungen in Projekten gemacht, nach denen ich dachte: Ich will nie wieder einen Film machen. Das war relativ am Anfang. Da war ich mit manchem überfordert. Ich hätte einfach fragen sollen. Aber damals war ich zu jung, zu stolz, zu unerfahren. Das lernt man erst mit der Zeit.

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