Flutkatastrophe: Wie die Zahl von 1300 Vermissten zu erklären ist - DER SPIEGEL
Allein 1300 Vermisste in einem Landkreis: In den Katastrophengebieten gelten etliche Menschen als derzeit unauffindbar. Das bedeutet aber wohl nicht, dass die Zahl der Todesopfer derart rapide steigen wird.
Aus ihren Häusern gerettete Menschen in Bochum: Unübersichtliche Lage
Foto:
Jochen Tack / imago images
Die Situation in den westdeutschen Katastrophengebieten ist auch viele Stunden nach den ersten Hochwassermeldungen äußerst unübersichtlich: Polizeibehörden, Kommunen und Regierungsstellen geben nicht nur Lageeinschätzungen heraus, sondern immer wieder auch Zahlen zu Todesopfern oder Vermissten.
Eine Zahl stach seit Donnerstagabend heraus: Der besonders stark von Überschwemmungen betroffene Landkreis Ahrweiler sprach von 1300 vermissten Menschen im Kreisgebiet – eine horrende Zahl, die sich wenig später auch in der Berichterstattung der »New York Times«, der italienischen »La Repubblica« oder im britischen »Guardian« wiederfand.
Diese Zahl suggeriert ein kaum vorstellbares Ausmaß der Katastrophe – eines, das mit der Realität indes wohl nur wenig zu tun hat. Denn für die Zahl der Vermissten gilt derzeit noch das, was für viele Angaben aus den betroffenen Gebieten gilt: Vieles ist noch unklar, manche Gegenden und Gebäude sind auch nach bald zwei Tagen nur schwer zu erreichen.
Fotostrecke
Die Bilder der Flutkatastrophe
Foto: Sebastian Schmitt / dpa
So relativierte eine Sprecherin des Landkreises Ahrweiler inzwischen die Angaben: Das Mobilfunknetz sei teilweise lahmgelegt, daher gebe es keinen Handy-Empfang und viele Menschen seien für Freunde und Verwandte nicht erreichbar. Soll heißen: Im Idealfall sind viele der offiziell Vermissten unversehrt, aber telefonisch nicht zu erreichen. »Wir hoffen«, so die Sprecherin, »dass sich das klärt.«
Hinzu kommt, dass es sich vermutlich um deutlich weniger als 1300 Personen handelt. Man gehe davon aus, sagte der Koblenzer Polizeisprecher Ulrich Sopart am Vormittag, dass eine Reihe von Menschen durch besorgte Angehörige mehrfach vermisst gemeldet wurden. Überprüfen lässt sich das demzufolge nicht, da die Telefon- und Mobilfunknetze ausgefallen seien. Noch immer würden Menschen gerettet, sagte Sopart – aber die Zahl der Todesopfer werde sich wohl noch erhöhen.
Binnen zehn Minuten stand alles unter Wasser
Unübersichtlich ist die Lage nach wie vor auch in den anderen Katastrophengebieten: Die Bezirksregierung in Köln meldete, in Erftstadt würden »etliche Personen« vermisst. Konkrete Zahlen über Todesopfer oder Vermisste kenne er aber noch nicht, sagte Landrat Frank Rock dem Sender ntv.
Wo genau sich manche Menschen aufhalten, ist demzufolge auch aus anderen Gründen unklar: Einerseits seien noch 50 Menschen mit Booten gerettet worden, so der CDU-Politiker, andererseits seien aber auch wieder Menschen auf eigene Faust in bereits evakuierte Häuser zurückgekehrt. Es sei nicht klar, wie viele Menschen in den betroffenen Gebäuden geblieben seien. Zudem sei die Flut sehr schnell gekommen: Der Ortsteil Senken hätte binnen zehn Minuten unter Wasser gestanden. Es habe kaum Zeit gegeben, die Menschen zu warnen.
Der Bezirksregierung zufolge ist die Infrastruktur vollständig ausgefallen, der Betrieb von Kliniken nicht mehr möglich, zudem mussten mehrere Pflegeheime evakuiert werden. Die Retter erreichten aus den Häusern immer wieder Notrufe eingeschlossener Menschen, die trotz Warnungen in das Gefahrengebiet zurückgekehrt waren oder es gar nicht verlassen hatten.
In vielen Fällen, so hieß es weiter, sei ein Rettungseinsatz gar nicht möglich. Bis einigermaßen Klarheit besteht über die Zahl der Todesopfer und der tatsächlich unauffindbaren Betroffenen, wird wohl noch einige Zeit vergehen.
No comments:
Post a Comment